Mikroboy

Mikroboy

Dortmund – FZW
19. Oktober 2011
20.30 Uhr / 12 € VVK + Gebühren
Tickets bei www.koelnticket.de
Düsseldorf – Stahlwerk
26. Oktober 2011
20.30 Uhr / 12 € VVK + Gebühren
Tickets bei www.koelnticket.de

Wenn man der Band MIKROBOY begegnet und Texter, Gitarrist und Sänger Michael Ludes bei einer späten Tasse Kaffee oder einem Bier in die Augen schaut, dann fallen einem zwei Dinge sofort auf: die Euphorie – und die Augenringe.

Man könnte und man sollte diese Worte auch benutzen, um die Musik ihres zweiten Albums „EINE FRAGE DER ZEIT“ zu beschreiben. Sie ist voll von zweifelnden, erschöpften Zeilen die einem gnadenlosen Blick auf den eigenen Gemütszustand abgerungen wurden, Zeilen wie diesen: „Ich werde die Spuren gut verwischen, ich wähle Routen die niemand kennt, ich werde falsche Fährten legen / Immer auf der Suche nach dem Sinn.“ Dass diese unverstellte Poesie dabei nie ins Wehleidige kippt, ist vor allem der Euphorie zu verdanken, die Michi, Kai Steffen Müller (Bass) und Tobi Noormann (Drums) antreibt. Wobei Michi selbst ein anderes Wort findet: „Da ist immer noch viel Hoffnung drin. In allem, was wir machen.“

Und sie haben schon viel gemacht und geschafft, oder wie Michi verschmitzt sagt: „Meine Taschen sind voll von Achtungserfolgen. Nur steht die Währung so schlecht.“ Und dennoch findet er es selbst erstaunlich, wo man ja einst „als Hobby-Band“ angefangen hat – was man „EINE FRAGE DER ZEIT“ nun wirklich nicht mehr anhört.

Man erkannte das Bandgefühl im Auftritt von MIKROBOY beim Bundesvision Song Contest von Stefan Raab, wo sie 2010 für Ludes Heimat, das Saarland, antraten – mit der Single „Nichts ist umsonst“. Da standen MIKROBOY als Band auf der Bühne, als einziger Act ohne Tänzer, Cheerleader oder hässliche Fahnen, was auf der riesigen Plattform zwar ein wenig verloren wirkte, aber ein klares Statement war: „MIKROBOY sind wir. Nur wir. Ohne Schnickschnack.“

Aber wie jetzt eigentlich mit diesem Auftritt umgehen? Sollte man aus Promotiongründen darauf rumreiten? Die Antwort, eher amüsiert gleichgültig: „Scheiße fand ich’s nicht. Aber es war jetzt auch nicht die geilste Erfahrung meines Lebens. Es ist nicht so, dass ich jedem erzähle: ‚Hey, ich war mal beim Bundesvision Song Contest.’ Ich war sogar zweimal da!“ Ach ja – mit seiner Band Reminder hatte er damals auch schon teilgenommen. Michi: „Mal ehrlich: Ein Contest, bei dem man als Vorletzter besser abschneidet als Bernd Begemann -­ das ist doch eh eine verkehrte Welt.“

Zum in den Studios von Tobias Siebert (selbst bei Klez.e, Produzent von z. B. Kettcar, Juli und Phillip Boa) entstandenen „EINE FRAGE DER ZEIT“ hat sich das Bandgefüge inzwischen bei der oben genannten Besetzung Michi Ludes / Kai Steffen Müller / Tobi Noormann gefestigt. Und, so Kai Steffen: „Man merkt beim neuen Album, dass die Songs nun ganz klar auf Bandsound und -­‐ gefühl geschrieben wurden.“ Tobi ergänzt: “Es ist eine sehr tolle Zusammenarbeit. Michi schleppt schon fertige Demos an, wir machen uns dann Gedanken dazu und bringen im Studio alles zusammen. Und der Boss bleibt am Ende Michi. Einer muss es ja sein -­‐ und schließlich sind es ja seine Songs.“

Konkret bedeutet diese Entwicklung, dass „EINE FRAGE DER ZEIT“ eine toll eingespielte Band zeigt, die zwar immer noch die Indie-­‐Pop-­‐Hymnen kann, für die man MIKROBOY schätzt, die sich aber immer mehr traut, die Gräben zwischen Euphorie und Zweifel musikalisch zu vertiefen und die Klangfarben zu verdunkeln. Auf Zeilen des Zweifels folgen nicht selten geradezu himmelstürmende Gitarren, auf bedrohliches Keyboardbrummen eine lupenreine Popmelodie.

Man nehme zum Beispiel „Es hat sich einiges getan“. Einer dieser Songs, der einem den Glauben an deutschsprachige Popmusik wieder eintreibt. Ein verdammter Hit, der auf jedes Mixtape gehört, vor allem auf jene, die man den guten, den besten Freunden schenkt. Und trotzdem weigert sich Michi, darin leicht verdauliche Zeilen zu liefern – er spricht von „Gärten mit Werten“, seziert Melancholie, stößt einen in das Niemandsland zwischen Liebe und Freundschaft – und das Minenfeld, das man nicht selten dort findet. „Solang der Mut den Zweifel schlägt“, heißt ein weiterer Song der neuen Platte -­‐ und man könnte meinen, hier wird das tragende Konzept, der Antrieb der Band MIKROBOY benannt.

Kopf und Herz bleibt aber dennoch Michi Ludes, dessen schmeichelnde Stimme ein permanenter Kontrast zu den suchenden Lyrics bleibt. „Die Texte -­‐ das bin schon ziemlich 1:1 ich“, sagte Michi einmal. Aber, und das stellt er lachend klar: „Keine Panik, mir geht’s gut. Die Texte sind zwar ein Spiegel von dem, was in meinem Kopf vorgeht – aber ich texte natürlich immer in einer kryptischen, überdramatisierten Pathosform.“

Und wie ist dieser Michi Ludes so? Er selbst hat das einmal sehr gut beschrieben: „Ich laufe so lange die Beine tragen, vorbei an atemberaubenden Orten und interessanten Menschen. Ich verpasse Pointen und ruiniere Witze, weil die Geschwindigkeit in der ich renne, es nicht zulässt, genauer hin zu hören. Ich verstricke mich in Widersprüchen. Ich vergesse Namen und Gesichter und manchmal sogar mich selbst. Ich renne so schnell, dass ich gar nicht merke, dass ich längst auf der Stelle trete. Vor Panik. Vor Angst davor, nicht angekommen zu sein, bevor es zu spät ist. Wo angekommen? Woher soll ich das wissen?“

In diesen Zeilen ist alles drin. Die Euphorie. Die Zweifel. Und der Michi Ludes, den man nach einem Konzert begeistert und manchmal ein wenig betrunken im Club des Geschehens vorfinden kann. Gerade dort -­‐ in diesem Leben, in diesem „Clubding“, wie er es nennt -­‐ ist sie vielleicht drin, die Hoffnung, die den Zweifel schlägt.

Das wurde Michi nach den Clubkonzerten von MIKROBOY klar -­‐ nicht selten in der Provinz, in Gegenden, die seiner Heimat nicht unähnlich sind, in Städten, wo eben nicht jeden Tag die vermeintlich coolste Sau im Stall vorgeführt wird. „Man merkt dann plötzlich, dass man die Früchte der ganzen Arbeit -­‐ und der langen Touren -­‐ erntet.“

Dieses Gefühl ist dann auch die schönste Belohnung für das Schaffen von MIKROBOY. Michi Ludes ist bescheiden, er will gar nicht die höheren Chartweihen – auch wenn seine Songs das durchaus hergeben. Für ihn zählt: „Wir sind schon jetzt erfolgreicher als all die Bands, die ich vor zehn, fünfzehn Jahren gut fand. Ich glaube, keine dieser Bands waren am Ende bekannter, als wir es jetzt sind -­‐ und trotzdem waren das totale Helden für mich. Das ist die persönliche Marke, die ich immer erreichen wollte.“

Dieses Wissen treibt MIKROBOY an und immer weiter. Und die Hoffnung? „Wir sind ja da, wir leben noch, wir haben noch Wohnungen, wir waren gerade im Studio, haben eine Platte aufgenommen, wir spielen bald Konzerte, zu denen noch Leute kommen – wenn das nicht die Hoffnung ist, was dann?“ Ein schönes Schlusswort.
Daniel Koch – Rolling Stone Magazine, April 2011

www.mikroboy.com
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